Die Trulli von Selva di Fassano
Alle Fotos auf dieser Seite: Wolfgang Pruscha
Wie Zipfelmützen ragen die Trulli aus den grünen Olivenhainen und Weingärten
heraus, zumeist handelt es sich um schlichte Bauernhütten, die aus rohem
Feldgestein geschichtet sind. Aber man sieht auch kunstvoll gemauerte
Landhäuschen, wobei oftmals mehrere Trulli zu ganzen Komplexen verbunden
sind.
Rund 5.000 dieser markanten Trulli-Bauten hat man im Itria-Tal
in Apulien gezählt, allein 1.000 davon in Alberobello.
Die Entstehungsgeschichte der Trulli:
Entstehungsgeschichtlich gehen die apulischen
Trulli auf antike Vorbilder zurück, obwohl die ältesten Trulli gerade mal
300 Jahre alt sind. Ihre Form ähnelt einem altgriechischen runden
Kultbau, dem Tholos. Von dieser früh-mykenischen Bauform gibt es im
Mittelmeerraum zahlreiche andere und vor allem viel ältere Nachbildungen,
z.B. die rätselhaften Nuraghi auf Sardinien oder vergleichbaren Kult- und
Profanbauten auf Pantelleria (Insel in der Straße von Sizilien) und
auf den spanischen Balearen.
Die Trulli von Alberobello
Die Bauweise der Trulli:
Die Bauweiste ist im Prinzip immer die gleiche: Auf einer annähernd
quadratischen Grundfläche werden rohe Feldsteine in Trockenbauweise zu
dicken Grundmauern übereinandergesetzt. Die Kegelform der Dächer ergibt
sich durch schräg aufeinendergeschichtete Chiancarelle (Steinplatten).
Das unerschöpfliche Baumaterial liefert der steinige Boden gratis.
Die Technik der reparaturanfälligen Trockenbauweise
wurde von Generation zu Generation weitergegeben und immer
fantasievoller umgesetzt. So wurden aus den einfachen Bauernhütten, die
anfangs der Unterbringung von Vieh und der Gerätschaften dienten,
bald kleine Landhäuschen, die sogar mit geräumigen Nischen, Fenstern
und Zisternen ausgestattet waren. Bei größerem Platzbedarf
wurden die normalerweise einräumigen Trulli einfach miteinander
verbunden und zu bequemen Trulli-Konglomeraten zusammengefügt.
Die Dachspitze:
Die Dachspitzen der Trulli
Der Pinnacolo (Dachspitze) ist meistens kugel- oder sternförmig verlängert.
Mauerwerk und Spitze sind schneeweiß gekalkt, während das konische Dach
die charakteristische grauschwarze Natursteinfarbe behält. An den Dächern
entdeckt man die vielfältigsten Verzierungen und Symbole: einerseils, um die
Häuser einer Trulli-Siedlung zu individualisieren (Prinzip Hausnummer), und andererseits, um die überirdischen
Kräfte zum Schutz
herbeizurufen (Prinzip Aberglaube). Initialbuchstaben, heidnische,
christliche und astrologische Zeichen sind kunslvoll aufgepinselt
und von weitem sichtbar.
Entstehungslegenden:
Die sicherlich netteste der zahlreichen
Trulli-Entstehungslegenden berichtet von Giangirolamo II. Acquaviva, im
17. Jh. Feudalherr der Gegend. Schon damals mussten Hausbesitzer an den
König eine Art Grundsteuer abführen. Um seinen Untertanen diese Abgabe zu
ersparen, ließ Giangirolamo die Bevölkerung mörtellose Steinhütten bauen,
die sie vor den Steuereintreibern als Steinhaufen deklarierten. So
überlistete der Feudalherr den König und dessen offensichtlich blinde Beamte
und trieb die Steuern dann angeblich selber ein.
Dieser Artikel ist eine Leseprobe
aus dem Reiseführer Apulien des Michael Müller Verlags